Landärztemangel - Dichtung und Wahrheit

Die Gesundheitsversorgung am Land funktioniert nicht. In regelmäßigen Abständen erreichen uns Meldungen über unbesetzte Kassenstellen, lange Wartezeiten oder fehlende Wochenenddienste. Allein den Landärzten ist es zu verdanken, dass dieses System noch nicht kollabiert ist – sie decken durch ihre hohe Bereitschaft Spitzen ab, gelangen aber zunehmen an die Grenzen des Machbaren. Gerade deshalb müssen dem Landarztmangel von Seiten der Politik echte Lösungen entgegengehalten werden.

Die Entwicklung im Detail

In Niederösterreich ist die Spitalsbettendichte überdurchschnittlich hoch, während der Anteil der niedergelassenen Ärzte im europäischen Vergleich erschreckend niedrig ist. Diese Entwicklung bedingt, dass Patient_innen immer öfter das Spital aufsuchen müssen, weil immer weniger Ärzt_innen am Land zu finden sind. Die Zahlen untermauern den dringenden Handlungsbedarf: 

  • Mit Anfang September fehlen in Niederösterreich 27 Kassenärzt_innen für Allgemeinmedizin. 
  • Mehr als die Hälfte der derzeit Aktiven gehen in den nächsten zehn Jahren in Pension
  • Rund 40 Prozent der Medizin-Absolvent_innen verlassen Österreich. Eine Aufstockung der Medizinstudienplätze kann allein schon deshalb nicht die Ultima Ratio sein.
  • Und auch die Landarztgarantie zeigt – gemessen an den Zahlen – wenig Wirkung. Abseits der Tatsache, dass ein Spitalsmediziner ganz andere Aufgaben hat als ein niedergelassener Arzt, ist mit Gresten nur ein einziger Fall bekannt, in der es eine geringe Unterstützungsleistung durch einen Spitalsarzt gibt.
Ein Vergleich, der sicher macht

Abbildung 1: Der Mangel der praktischen Ärzt ist hausgemacht! Niederösterreich stellt überproportional Ärzte in den Spitälern an, anstatt die wohnortnahe Versorgung zu fokussieren.

Abbildung 3: Ein OECD-Vergleich zeigt die Schrauben, an denen gedreht werden muss

Abbildung 2: Der Vergleich macht sichtbar: in den niedergelassenen Bereich zu investieren, bedeutet in "gesunde Lebensjahre" zu investieren.

Was aus NEOS-Sicht zu tun ist: 

  • Eine flächendeckende, gesetzlich verankerte Primärversorgung schaffen. Das heißt, dass die Zusammenarbeit der niedergelassenen Gesundheitsberufsgruppen unter einem Dach oder in Netzwerken gestärkt werden muss. Das hat viele Vorteile – von der Kostenreduktion bei gleichzeitig besseren Präventionsmöglichkeiten bis hin zu kürzeren Wartezeiten und einer besseren Vernetzung und Kommunikation. Wenn hier außerdem gemeindeübergreifend zusammengearbeitet wird, können Bereitschaftsdienste besser koordiniert werden.
     
  • Bei der Finanzierung Prioritäten setzen: Wir müssen die Finanzmittel vom Spitals- in den niedergelassenen Bereich umschichten – das heißt, mehr Geld als bislang für die wohnortnahe Gesundheitsversorgung bereitstellen. Nur so wird es möglich sein, auf Dauer eine flächendeckende Primärversorgung zustande zu bringen. Und genau das wird entscheidend sein, wenn es um die Versorgung der älteren Bevölkerung geht.Und auf der anderen Seite ist bei der Finanzierung sicherzustellen, dass sie aus einer Hand kommt – nämlich aus der Hand der Krankenkasse, damit die Mittel dorthin wandern, wo sie für die Patienten am besten und effizientesten eingesetzt werden können. Das ist ökonomischer, transparenter und reduziert Doppelgleisigkeiten. Bislang wird dual finanziert, d.h. das Land ist für die Spitäler zuständig, die Kasse für den niedergelassenen Bereich. Da spielen also bei der Spitalsfinanzierung ganz andere Motive eine Rolle.
     
  • Eine Entlastungsoffensive bei Bürokratie und Aufgaben muss her. Je mehr sich ein Hausarzt mit der Zettelwirtschaft beschäftigen muss, desto weniger Zeit bleibt für die Patienten. Das heißt, es braucht in einem ersten Schritt eine Bürokratieentlastung.
    Andererseits muss es zu einer Entlastung durch Aufgabenteilung kommen. Besonders im niedergelassenen Bereich können Hausärzte durch die diplomierte Pflege entlastet werden. Dabei geht es um die Betreuung vor Ort, Hausbesuche, um Pflegegeldbegutachtung oder um Präventionsgespräche. Das heißt, hier braucht es mehr hervorragend ausgebildete Pflegekräfte, die auch Entscheidungen treffen dürfen. Außerdem wollen wir, dass in Apotheken geimpft werden darf. Das ist vor allem dort wichtig, wo es keinen Arzt in unmittelbarer Nähe gibt. Für diese Leistungen braucht es einen Leistungskatalog, damit sie niedergelassen abgerechnet werden können.
     
  • Das Ausbildungssystem muss reformiert werden. Was wir brauchen sind nicht mehr Studienplätze, wo wir Ärztinnen und Ärzte ausbilden, die dann wegen unattraktiver Bedingungen das Land verlassen, sondern praxisnahe Kennenlernmöglichkeiten. Was ist damit konkret gemeint: Studierende müssen die Möglichkeit bekommen, das Berufsbild des Allgemeinmediziners viel früher kennenzulernen. Um die Primärversorgung und die Zusammenarbeit der Gesundheitsberufe zu stärken, sollen die verschiedenen Berufsgruppen im Gesundheitswesen einen Teil der Ausbildung gemeinsam absolvieren können. Eine ganz wesentliche Forderung besteht schon seit vielen Jahren – nämlich die Aufwertung des Allgemeinmediziners durch eine eigene Facharztausbildung. 
     
  • Der Leistungskatalog muss vereinheitlicht werden. Kein Patient, hat einen Überblick darüber, welche Leistungen man wo bekommt und wieso. Diese Leistungen sind schnellstmöglich zu vereinheitlichen und um die Punkte Prävention und Gesundheitsvorsorge zu erweitern. Sie wissen, dass die Niederösterreicher Schlusslicht sind, wenn es um die Gesundenuntersuchung geht – und Vorsorge heißt weniger Folgekosten für das Gesundheitssystem.