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Neue Ideen zur Stadtentwicklung

Klosterneuburg plant ein neues Stadtviertel direkt an der Donau. Auf dem Gebiet der alten Pionierkaserne wird ein neuer Stadtteil mit einem Ausmaß von ca. 13 ha entstehen. Eine Delegation aus Klosterneuburg hat sich letzte Woche städtebauliche best practice Projekte in der Schweiz und in Deutschland angeschaut.

Eine Delegation aus Klosterneuburg hat sich zwei Tage lang in einem dichtgedrängten Besichtigungsprogramm mit den Herausforderungen der Stadtentwicklung in der Schweiz und in Deutschland auseinandergesetzt. Mitglieder der Klosterneuburger Stadtplanung, des Gemeinderates sowie Eigentümervertreter aus dem Stift haben daran teilgenommen.

Die für mich wesentlichste Erkenntnis war die folgende wichtige Unterscheidung.

Will man einen Stadtteil bauen oder eine Siedlung?

Wie wir auf unserer Exkursion sehen konnten, ergibt sich alleine aus dieser Unterscheidung schon ein anderer Baustil, ein anderes Lebensgefühl und auch eine andere Kostenstruktur in dem jeweilig zu planenden Viertel.

Auf der einen Seite der Stadtteil

Er wirkt durch eine unterschiedliche Baustruktur sehr lebendig. Die alten Gebäude, die man nicht weggerissen hat geben dem ganzen Viertel ein natürliches Flair. Eine gemischte Nutzung von Wohnen, Arbeiten und Freizeitgestaltung (kleinen Büros, Cafés, Kindergärten/Schulen sowie Gewerbebetrieben in den Erdgeschoßzonen) bilden eine Stadt ab, wie wir sie gewohnt sind. Mit Leben auf der Straße und kurzen Wegen. Die Autos bleiben draußen, abgesehen vom Zuliefer-Verkehr. Selbstverständlich mit einem Parkhaus am Rand.

Soziologisch ist es wichtig, so habe ich erfahren, dass es keine Tiefgaragen gibt, wo man mit dem Auto hineinfährt und dann mit dem Aufzug in sein Stockwerk. Denn dann gibt es wenig Frequenz auf den Straßen, wenig Frequenz in den Geschäften und natürlich auch wenig Kontakt zu den anderen Bewohnern dieses Viertel. So wie die Bewohner in den traditionellen Innenstädten Ihr Auto selten vor der Tür stehen haben, aber die Lebendigkeit des Stadtlebens genießen, sollte auch ein Stadtteil diese Art das Zusammenleben fördern. Selbstverständlich mit gut ausgebautem öffentlichen Verkehr.

Ein gelungenes Beispiel dafür ist das Französische Viertel in der Universitätsstadt Tübingen. Es ist ein bunt gemischtes urbanes Viertel mit hoher Integrität und Identität. Viele Bewohnerinnen und Bewohner arbeiten in einem der rund 150 Betriebe, die insgesamt etwa 700 Jobs unmittelbar vor Ort geschaffen haben. Eine umfassende soziale und kulturelle Infrastruktur und attraktive öffentliche Räume machen das Französische Viertel zu einem beliebten Wohn- und Gewerbestandort. Sämtliche wichtige Versorgungseinrichtungen sind fußläufig für alle Bewohner erreichbar. Geparkt wird an wenigen zentralen Orten im und am Französischen Viertel. Das eigene Auto steht in der Regel nicht direkt vor der Tür. Das führt dazu, dass die Menschen auf den Straßen zu Fuß unterwegs sind.

IMG_1481 IMG_1496 IMG_1499(Bilder aus dem Französischen Viertel in Tübingen)

 

Auf der anderen Seite die Siedlung

Die ist auf Effizienz, und Convenience ausgerichtet. Für die Bewohner stellen sich vor allem Fragen der Alltagsorganisation:

Wie schaffe ich meinen Einkauf, meine zwei Kinder samt Kinderwagen und Dreirad am bequemsten in meine Wohnung im vierten Stock. Einkaufen geh ich sowieso einmal die Woche in einem Einkaufszentrum. Kindergarten in der Nähe wäre toll, wohin ich meine Kinder in die Schule schicke kommt drauf an welche Talente sie entwickeln. Ob Sport, Kreativität, musikalisch oder sprachlich orientiert, das steht für mich im Vordergrund. In der Siedlung ist zwar der moderne Schnitt der Wohnung wichtig, die architektonische Vielfalt muss dabei jedoch dem Kostenbewußtsein weichen.

Als Beispiel für eine moderne und architektonisch gelungene Siedlung sehen wir das Hunziker Viertel in Zürich. Verdichtete Bauweise mit 5-6 Stockwerken und wenig Durchmischung von Geschäfte und Gewerbebetrieben. Interessant bei diesem Konzept ist, dass es überhaupt keine Garagen gibt. Die Bewohner müssen vor dem Einzug bestätigen, dass sie kein Auto besitzen und sich auch keines anschaffen werden.

Dank der Nahversorgung können die Bewohner und Gewerbetreibenden problemlos auf ein Auto verzichten. Die Bewohner können dafür die Mobilitätsstation im Quartierteil mit Fahrrädern, Fahrradanhängern sowie Elektrofahrrädern und Carsharing nutzen. Sie haben so die Möglichkeit, für jeden Weg das jeweils optimale Verkehrsmittel zu wählen und ihr Leben unabhängig vom eigenen Auto ganz bequem zu gestalten.

IMG_1508 IMG_1510 IMG_1512(Bilder aus dem Hunziger-Quartier in Zürich)

 

Eine gelungene Mischung aus Stadtteil und Siedlung ist das neue Stadtentwicklungsprojekt „Alte Weberei“ in Tübingen.

Insgesamt sechs Höfe gruppieren sich um den zentralen Platz, auf dem sich ein altes Fabrikgebäude befindet. Die Gebäudetypologie gliedert sich überwiegend in Geschosswohnungsbau, der sowohl Stadthäuser als auch Maisonetten ermöglicht, und des Weiteren in Stadtvillen, Reihenhäuser und Doppelhäuser. Die Baukörper sind nicht so hoch wie im Hunziker Viertel und es blieb Platz für private Grünflächen. Durch unterschiedliche Architekten ergibt sich eine Vielfalt an Baustilen. Eine funktionale Durchmischung der Erdgeschoße durch die gewerbliche Nutzung der Erdgeschoße gibt es nur zum Teil. Wie wir gehört haben, gibt es bei diesem Projekt Schwierigkeiten mit der Ansiedlung von Geschäften. Die ursprünglich geplanten Flächen für eine Bäckerei, einen Gemüsehändler und einen Supermarkt sind immer noch frei. Die Hausgemeinschaften überlegen nun, selbst zumindest einen Supermarkt zu betreiben.

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(Bilder aus der alten Weberei in Tübingen)

 

What next: 

Was es jetzt zu diskutieren gilt ist die Entscheidung, zu welcher Art von Stadtviertel das Klosterneuburger Pionierviertel werden soll. Hier hatte ich auf der Reise den Eindruck gewonnen, dass zwischen dem Eigentümer der Grundstücke und der Klosterneuburger Stadtverwaltung noch erhebliche Auffassungsunterschiede gibt. Selbstverständlich sollten sich für einen Bauträger und Grundeigentümer, in diesem Fall das Stift, getätigte Investitionen lohnen und ein wirtschaftlich sinnvoller Betrieb sichergestellt sein. Aber auch die bereits von den Klosterneuburger Bürgern klar geäußerten Wünsche hinsichtlich der Nutzung des Pionierviertels müssen ausreichend berücksichtigt werden. Bürgerbeteiligung ist eine zentrale politische Position der NEOS und wir werden alles daransetzen, bei diesem stadtplanerischen Vorzeigeprojekt auch für eine entsprechende Bevölkerungsmitsprache zu sorgen.