Pflege neu denken

01. October 2018
Edith Kollermann

Die Pflege von Menschen, die nicht mehr selbst für sich sorgen können, ist ein Kernthema für unsere Gesellschaft. Es geht vor allem um die Würde des Menschen und den achtsamen Umgang damit. Es geht aber auch darum, wie wir diese Aufgabe als Sozialstaat finanzieren können.

Pflege neu denken

Wir haben im Niederösterreichischen Landtag nach einem integrierten Pflegekonzept gefragt und wurden auf den Altersalmanach und dessen Aktualisierung verwiesen. Eine umfassende und interessante Datensammlung, aber kein Pflegekonzept. Wir haben Anfragen an die – vermeintlich – zuständigen Landesrätinnen gerichtet. Diese wurden mangels Zuständigkeit abgeschmettert. 

Ein Pflegekonzept, das diesen Namen verdient, enthält:

- (Prognose-)Daten und Fakten der Bevölkerungsentwicklung 

- best practice-Beispiele unterschiedlicher Pflegeformen und die Schlussfolgerungen daraus 

- stärkende und unterstützende Angebote für pflegende Angehörige 

- Prävention sowie Kompetenzerweiterung für ältere Menschen, die noch keine fremde Pflege benötigen 

- eine Personalplanung inkl. einer Weiterentwicklung der Berufsbilder und weitere Qualifizierungsmaßnahmen 

- ein Finanzierungskonzept 

Menschen wollen und sollen selbstbestimmt leben können. Die meisten wünschen sich, so lange es möglich ist, in der eigenen Wohnung zu bleiben, im gewohnten Umfeld. 

In niederösterreichischen Pflegeeinrichtungen wird Großteils hervorragende Arbeit geleistet. Wenn dann Missstände aufgedeckt werden, wie das seitens der Volksanwaltschaft in einem Heim in Kirchstetten im Vorjahr der Fall war, muss umgehend gehandelt werden. Überlastete und überforderte Pflegekräfte dürfen hier nicht allein gelassen werden, sind aber in der Regel der kritische Faktor. 

In einer sich wandelnden Arbeitswelt, wo Berufsbilder verschwinden, die Digitalisierung manuelle ebenso wie Wissensarbeiter_innen ersetzbar macht, liegt die Chance in der Dienstleistung. In der Pflege wird der Bedarf nach qualifiziertem Personal unterschiedlicher Aufgabenbereiche in den nächsten Jahren weiter steigen. Bereits jetzt liegen die offenen Stellen allein in Niederösterreich bei mehreren 100. Tendenz weiter stark steigend. Menschen, die im Pflegebereich tätig sind, brauchen neben hoher sozialer Kompetenz eine qualifizierte Ausbildung, Supervision und Wertschätzung, die sich auch in der Entlohnung ausdrückt.

Die Abschaffung des Pflegeregresses vor den Nationalratswahlen 2017 haben wir NEOS abgelehnt, weil es kein Konzept für eine alternative Finanzierung gab. Ein als ungerecht empfundener Kostenbeitrag durch die zu pflegenden Personen wird durch die weitere Vergrößerung des Schuldenrucksacks für die Jungen ersetzt und löst das Problem nicht einmal im Sinne der Pflegebedürftigen. Auch das ist nicht gerecht. Eine Kombination aus kosteneffizienter Versorgung, Budgetmitteln, Vorsorge und sozial verträglichen Eigenbeiträgen muss helfen, die Kosten im Griff zu behalten. 

Die Zukunft lässt sich nicht in allen Punkten vorhersagen. In diesem aber schon. Ein Pflegekonzept auf die lange Bank zu schieben ist ebenso verantwortungslos wie wir das schon bei der Bildungs-, der Pensions- und der Gesundheitsreform kennen.