Bildung in NÖ allem voranstellen: Die gläserne Schule

23. September 2019

Seit eineinhalb Jahren regiert in Niederösterreich eine Proporzregierung von ÖVP, SPÖ und FPÖ. Was mit großen Versprechungen im März 2018 begonnen hat, hat in vielen Bereichen zu groben Enttäuschungen geführt: Sei es das Budget, das in Zeiten der Hochkonjunktur nicht in einen ausgeglichenen Haushalt korrigiert werden konnte oder die dramatischer werdende Situation bei der Gesundheitsversorgung am Land. Besonders der Blick auf das für das Land zentrale Zukunftsthema Bildung zeigt, dass Niederösterreichs Bildungssystem von Grund auf erneuert werden muss.

Die Bildung unserer Kinder schafft die Voraussetzungen, um das Leben nach den eigenen Vorstellungen gestalten zu können. Sie ist der Schlüssel, um die Herausforderungen am Arbeitsmarkt oder im Klimaschutz bewältigen zu können. Doch anstatt die notwendigen Reformen umzusetzen und eine echte, wirksame Bildungswende von unten – getragen von Expertinnen und Experten aus der Praxis – zu ermöglichen, wird Bildungspolitik in NÖ als Partei- und Machtpolitik begriffen. Das bringt den Bildungsstandort zunehmend in Bedrängnis, wie eine wesentliche Kennzahl verdeutlicht: An mehr als 500 Schulen haben Schülerinnen und Schüler bei Bildungsstandard-Überprüfungen schlecht abgeschnitten – die meisten dieser Schulen, nämlich 111, liegen in Niederösterreich.

  • Lesekompetenz: Zwar erreichen mehr als die Hälfte die vorgegebenen Standards. Allerdings schlägt das Pendel auch in die Gegenrichtung aus. Vier von zehn Schülerinnen und Schüler bekommen in der Schule nicht das notwendige Rüstzeug mit, um Texte sinnerfassend verstehen zu können. Mit schwerwiegenden Folgen für ihre BIldungs- und Arbeitskarrieren.
  • Mathematikkompetenz: 27 Prozent erreichen die Standards teilweise, 13 Prozent gar nicht. Ein schwaches Licht am Horizont: Die Gruppe jener, die die Standards übertreffen, ist im Vergleichu zu 2012 um einen Prozentpunkt gewachsen.
  • Mobbing und Gewalt an Schulen: Die Zahl der Körperverletzungen ist bis 2017 zwar auf 73 Fällen gesunken und die Zahl der gefährlichen Drohungen hat sich bei rund 30 Fällen eingependelt. Im Steigen begriffen sind hingegen die Fälle sexueller Belästigung an Schulen. Das ist ein Alarmsignal, auf das die Politik bislang kaum reagiert. Sinnvolle Maßnahmen – etwa eine Mobbing-Meldestelle, ein Sensibilisierungstraining für das Lehrpersonal oder Unterstützungspersonal an den Schulen - wurden von der ÖVP vom Tisch gewischt.
  • Schulsozialarbeit: In Niederösterreich gibt es 20 Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Ihnen stehen 1.222 Schulen – darunter 257 Neue Mittelschulen – im Land, 10.249 Klassen und 202.814 Schülerinnen und Schüler gegenüber. Der Rechnungshof kritisiert, dass es ihre kurze Vertragsdauer von einem Jahr und die ungewisse Perspektive schwierig mache, höchstqualifiziertes Personal zu finden.
  • Förderbedarf: In Niederösterreich bekommen rund 33.500 Schülerinnen und Schüler bezahlte Nachhilfe. Das sind um 5.500 mehr als im Vorjahr. In diesem Zusammenhang sind auch die Deutschförderklassen zu nennen: Nur vier Prozent haben im türkis-blauen Modell des Bundes den Umstieg in den Regelunterricht geschafft – für Ausgaben von stolzen 2,5 Millionen Euro.
Bildung in NÖ von Grund auf erneuern

NEOS-Zukunftspartner Helmut Brandstätter ist angesichts der Zahlen erschüttert: „Wie kann man in Kauf nehmen, dass 4 von 10 Kindern weder ausreichend lesen noch rechnen können? Hier wird Chancen- und Perspektivenlosigkeit gefördert, anstatt echte Reformen umzusetzen, damit kein Kind auf seinem Bildungsweg zurückgelassen wird!“

NEOS Niederösterreich plädiert für eine gemeinsame Kraftanstrengung für NÖ-Pflichtschulen, bei der die Ist-Situation schonungslos analysiert wird, um die richtigen Schlüsse daraus ziehen und Lösungen angehen zu können. Parteipolitische Spielchen dürfen dabei keine Rolle spielen.

  1. Gläserne Schulen: Am Beginn einer jeden Reform muss das gründliche Erheben von Daten stehen: Wie schneidet jede einzelne Schule bei gewissen Kriterien ab? Welche Besondersheiten gibt es an den Schulstandorten in Bezug auf die Lesefähigkeit oder Gewaltdelikte? Eine standardisierte Datenerhebung ist für die Vergleichbarkeit der Schulen unabdingbar, wie die London School Challenge zeigt. Im britischen Modell wird Schulen, die im Vergleich besonders schlecht abgeschnitten haben, besondere Aufmerksamkeit zuteil wird. Die für eine Beurteilung wichtigen Daten werden bislang – sofern es sie gibt – unter Verschluss gehalten. Im Sinne einer gesunden Konkurrenz zwischen den Schulen und auch im Sinne der Information für Eltern sollen diese Daten öffentlich zugänglich sein.
  2. Individuelle Hilfe für Brennpunkt- und Problemschulen: Anhand der laufend erhobenen Daten können für jede Schule die richtigen Maßnahmen festgelegt und priorisiert werden. An der Schule A braucht es vielleicht mehr Unterstützungslehrer in Deutsch, an der Schule B als dringendste Maßnahme die Einsetzung von Sozialarbeitern und an der Schule C möglicherweise bauliche Maßnahmen. Mit einem Sonderbudget sollen Schulen, die besondere soziale Herausforderungen haben, extra gefördert werden.
  3. Entscheidungen in die Hände der Schulen legen: Voraussetzung für das Gelingen von Reformen an den einzelnen Schulstandorten ist deren weitgehender Freiraum. Das Direktorium soll auf Zeit vom Schulkollegium aus Lehrkräften, Eltern und Bildungsexpertinnen und -experten nach Hearings gewählt werden. Die Leitung einer Schule stellt auch die Lehrkräfte ein und kann weitreichende Personalentscheidungen autonom treffen, genauso wie die Verteilung der Budgetmittel für Sonderbedarf dieser Leitung unterliegen soll. Wie die Geschäftsführung eines Unternehmens ist auch der Direktor/die Direktorin letztverantwortlich für den Erfolg oder Misserfolg seiner/ihrer Schule. Voraussetzung dafür ist, dass die Politik im Bildungsbereich wirklich „dahinter ist“, den Kontakt zu den Schulleiter_innen ständig aufrecht hält und das Programm vom ersten Tag an zu hundert Prozent unterstützt.